Zu dm statt zum Arzt? Warum dm jetzt deine Augen, dein Blut und deine Haut checkt

Zwischen Shampoo und Windeln eine Netzhautaufnahme machen lassen, Blut abnehmen oder die Haut scannen: Die Drogeriekette dm baut gemeinsam mit drei Start-ups ihr Angebot an Gesundheits-Checks aus. Die einen feiern das als niederschwellige Vorsorge für alle, die anderen ziehen vor Gericht. Ein Überblick über ein Pilotprojekt, das die Grenzen zwischen Einzelhandel und Medizin neu zieht.

Die Kabine für Bluttests von Aware im dm-Markt

Worum es geht – kurz erklärt

Seit August 2025 testet dm in ausgewählten Filialen ein ungewöhnliches Angebot: Kundinnen und Kunden können dort nicht nur Zahnpasta und Duschgel kaufen, sondern sich auch medizinisch untersuchen lassen. Im Fokus stehen drei Dienstleistungen:

Die Idee klingt erst einmal bestechend einfach: Während man auf einen Facharzttermin in Deutschland oft Wochen oder Monate wartet, sollen diese Checks spontan oder mit kurzfristiger Terminbuchung möglich sein – ohne Rezept, ohne Überweisung, als Selbstzahlerleistung. dm selbst bekommt dabei nach eigenen Angaben weder Testergebnisse zu sehen noch verdient es direkt an der medizinischen Leistung. Das Geschäftsmodell: Die Drogeriekette vermietet Fläche an die Partner und positioniert sich als Ort für Gesundheit und Vorsorge.

Das Augenscreening: Netzhautbild in sechs Minuten

Hinter dem Augen-Check steht Skleo Health, gegründet 2024 vom Augenarzt Dr. Steffen Emil Künzel (zuvor Charité Berlin) gemeinsam mit dem Maschinenbauer Fabien Vogl. Das Unternehmen hat sich zum Ziel gesetzt, augenärztliche Versorgung über Telemedizin und KI breiter zugänglich zu machen – und kooperiert neben dm auch mit Mister Spex, wo derselbe Test allerdings 49,95 Euro kostet.

Wie läuft das ab? In speziell eingerichteten Kabinen im dm-Markt führen geschulte Mitarbeitende einen Sehtest durch und erstellen ein Foto der Netzhaut. Die Aufnahmen werden anschließend von einer zertifizierten KI analysiert und von einem augenärztlichen Team validiert. Innerhalb von 24 Stunden erhält die Kundin oder der Kunde einen Ergebnisbericht per E-Mail. Das Ganze dauert etwa sechs Minuten, ein Termin ist nicht nötig, das Mindestalter liegt bei 18 Jahren.

Was wird erkannt? Laut Skleo sollen sich mit dem Verfahren Hinweise auf drei Augenerkrankungen finden lassen: Grüner Star (Glaukom), diabetische Retinopathie (Netzhautschäden durch Diabetes) und altersbedingte Makuladegeneration (AMD).

Wo gibt es das Angebot? Aktuell in etwa fünf Filialen in Düsseldorf, Köln, Bad Münstereifel, Aachen und Berlin, seit April 2026 zusätzlich an der Frankfurter Zeil. Laut dm-Geschäftsführer Sebastian Bayer soll die Zahl auf rund 30 Standorte wachsen, mit einem Fokus auf den ländlichen Raum, wo Facharztpraxen seltener sind.

Der Bluttest: Elf Pakete von 9,95 bis knapp 70 Euro

Der zweite Partner, Aware Health mit Sitz in Berlin, ist ein Healthtech-Start-up, das sich auf Bluttests mit App-basierter Auswertung spezialisiert hat. Bei dm betreibt Aware aktuell in Karlsruhe und Berlin Blutabnahme-Stationen; weitere Standorte sind in Planung.

Wie läuft das ab? Man bucht online oder direkt in der Filiale einen Termin, wählt aus elf verschiedenen Testpaketen und lässt sich in einem abgetrennten Bereich des Marktes Blut aus der Vene abnehmen. Die Prozedur dauert laut Aware etwa zehn Minuten. Durchgeführt wird sie von medizinisch geschultem Fachpersonal – dabei handelt es sich nach Angaben der Unternehmen häufig um Heilpraktikerinnen und Heilpraktiker. Die Probe geht an ein zertifiziertes deutsches Partnerlabor, das nach den Richtlinien der Bundesärztekammer (RiliBÄK) arbeitet. Nach rund zwei Werktagen sind die Ergebnisse in der Aware-App verfügbar, inklusive verständlicher Erklärung, Gesundheitstipps und optionaler telemedizinischer Nachbesprechung mit einem Arzt.

Was wird getestet? Die Palette reicht vom klassischen großen Blutbild für 9,95 Euro über Herz-Kreislauf-Checks (Cholesterin, Entzündungsmarker, Blutfette), Diabetes-Profile (Glukose, Insulin, Langzeitblutzucker), Hormonstatus bis hin zu Mikronährstoff-Analysen. Je nach Paket werden unterschiedliche Biomarker ausgewertet. Die Daten werden laut Aware in Europa bei Amazon Web Services gespeichert; als Analysepartner für Langzeittrends nennt das Unternehmen das internationale Start-up Open Health.

Der Hautcheck: Terminal im Markt und Online-Hautarzt

Der dritte Partner ist dermanostic, eine Düsseldorfer Online-Hautarztpraxis, die 2019 von den Dermatologinnen und Dermatologen Dr. Alice Martin, Dr. Ole Martin, Dr. Estefanía Lang und Patrick Lang gegründet wurde. Das Unternehmen beschäftigt rund 20 festangestellte Hautärztinnen und Hautärzte und bietet seit Jahren per App eine fotobasierte Ferndiagnostik an. Die Kooperation mit dm startete im August 2025 und umfasst zwei Angebote, die sich an unterschiedliche Zielgruppen richten.

Die KI-Hautanalyse am Terminal. In fünf Filialen – Münster, Karlsruhe, Düsseldorf, Berlin und Braunschweig – stehen Tablets oder Aufsteller, an denen Kundinnen und Kunden ihre Haut kostenlos scannen lassen können. Eine KI bestimmt anhand eines Fotos den Hauttyp (fettig, trocken, Mischhaut oder normal) und gibt Hinweise auf den aktuellen Hautzustand. Ergänzend erhält man eine Empfehlung zur Eigenschutzzeit in der Sonne sowie – und hier wird es kommerziell – passende Produktvorschläge aus dem dm-Sortiment, insbesondere aus den Eigenmarken Balea, Balea med und Sundance. Die Analyse lässt sich laut dm auch über das eigene Smartphone nutzen.

Der Online-Hautarzt. Wer eine konkrete Hautveränderung abklären lassen möchte – Muttermale, Ausschläge, Ekzeme oder Ähnliches – kann über dm den Weg zur Online-Hautarztpraxis von dermanostic einschlagen. Dabei lädt man Fotos hoch und füllt einen Anamnesebogen aus. Innerhalb weniger Stunden stellt ein Dermatologe oder eine Dermatologin eine Ferndiagnose, gibt Therapieempfehlungen und stellt bei Bedarf ein Privatrezept aus. Die Kosten liegen zwischen 28 und 68 Euro, je nachdem, ob nur eine einmalige Konsultation oder auch ein Pflegeplan und eine Verlaufskontrolle gewünscht sind.

Was wird abgedeckt? Das Angebot reicht von kosmetischen Hautthemen bis hin zu ernsten Fragen wie Verdacht auf Hautkrebs oder Geschlechtskrankheiten. Gerade diese Bandbreite ist es, die dem Projekt viel Kritik einbringt (dazu später mehr). Im Hintergrund steht bei dermanostic zudem eine bewegte Investorengeschichte: Beiersdorf (Nivea, Eucerin) ist seit Jahren an Bord, zuletzt kamen über den Digital Health Fund unter anderem Holtzbrinck, Noventi und der Wort & Bild Verlag hinzu – teils mit einem „Media-for-Equity“-Paket, das Werbeflächen in Titeln wie Handelsblatt, Zeit, WirtschaftsWoche und Apotheken Umschau einschließt.

Das Geschäftsmodell dahinter

dm-Chef Christoph Werner argumentiert strategisch: In den kommenden Jahren werden viele Ärztinnen und Ärzte in den Ruhestand gehen, während die Bevölkerung altert – Versorgungsengpässe seien absehbar. Sebastian Bayer, dm-Geschäftsführer für Marketing und Beschaffung, ergänzt, man wolle einen niederschwelligen Zugang zu Gesundheitschecks schaffen, damit Menschen „selbstbestimmt informierte Entscheidungen“ treffen könnten.

Das passt in ein größeres Bild: dm positioniert sich zunehmend als Gesundheitsmarke. Unter der Eigenmarke Mivolis wurde ein Sortiment an Selbsttests mit Labordiagnostik eingeführt. Im Dezember 2025 startete außerdem eine Online-Apotheke, die rezeptfreie Medikamente über eine konzerneigene tschechische Versandapotheke nach Deutschland liefert. Die Gesundheits-Checks in den Filialen sind also kein Einzelprojekt, sondern Teil einer konsequenten Expansion.

Für die Start-ups ist die Kooperation ein Skalierungsschritt in eine Größenordnung, die über das eigene Ladennetz allein kaum erreichbar wäre. Rund 2.154 dm-Filialen gibt es in Deutschland – und die Marke bringt genau jene Alltagsfrequenz mit, die Vorsorgeangebote oft vermissen lassen.

Die Kritik: Zwischen Patientenschutz und Konsumprodukt

So nachvollziehbar die Argumente für niederschwellige Vorsorge sind – von Ärztinnen und Ärzten, Fachverbänden und der Wettbewerbszentrale kommt deutlicher Gegenwind.

Rechtliche Bedenken: Die Wettbewerbszentrale, ein von Wirtschaftsverbänden getragener Verein, hat im Oktober 2025 beim Landgericht Düsseldorf und Karlsruhe Klage gegen dm und Skleo Health eingereicht. Sie sieht gleich fünf Rechtsverstöße: einen Verstoß gegen das Heilpraktikergesetz (die geschulten dm-Mitarbeitenden seien nicht zur Ausübung der Heilkunde befugt), gegen die Zweckbestimmung der medizinischen Geräte, gegen das Heilmittelwerbegesetz (dort ist Werbung für Fernbehandlungen grundsätzlich verboten), gegen die Gebührenordnung für Ärzte sowie gegen das Verbot irreführender Werbung – Begriffe wie „Früherkennung“ oder „rechtzeitige Behandlung“ suggerierten eine Zuverlässigkeit, die das Screening nicht leisten könne. Eine finale Entscheidung der Gerichte steht derzeit noch aus.

Ärztliche Kritik: Der Berufsverband der Augenärzte Deutschlands (BVA) sieht in den Angeboten vor allem wirtschaftliche Interessen und zweifelt daran, dass sie das Gesundheitssystem tatsächlich entlasten. Dr. Dirk Heinrich vom Spitzenverband Fachärztinnen und Fachärzte Deutschlands brachte es zugespitzt auf den Punkt: Medizinische Diagnostik sei kein Konsumprodukt zwischen Babywindeln und Nagellack. Der Tenor: Wenn ein Screening auffällig ist, landen die Patientinnen und Patienten ohnehin beim Facharzt – der Drogerie-Check sei dann eher ein zusätzlicher Schritt als eine Entlastung. Und wenn Auffälligkeiten übersehen werden, entstehe eine trügerische Sicherheit.

Besondere Kritik am Hautcheck: Der Berufsverband der Deutschen Dermatologen (BVDD) hat sich zum dermanostic-Angebot bei dm mit ungewöhnlich deutlichen Worten geäußert. BVDD-Präsident Dr. Ralph von Kiedrowski testete das Terminal mit einem eigenen Foto – und erhielt nach eigener Aussage eine falsche KI-Diagnose („Xerosis cutis – trockene Haut“) samt Vier-Produkt-Empfehlung, die sich direkt in den Warenkorb legen ließ. Das Ganze habe, so von Kiedrowski, „mit Dermatologie nichts zu tun“. Noch kritischer sieht der Verband den beworbenen Online-Hautarzt: Rund 30 Prozent der Fälle bräuchten eine rezeptpflichtige Behandlung vor Ort, 8 bis 10 Prozent seien für Telemedizin überhaupt nicht geeignet – doch wer die Betroffenen im Zweifelsfall in der Praxis übernimmt, bleibe offen. Hinzu kommt ein gerichtlicher Rückschlag für dermanostic selbst: Im April 2025 untersagte das Landgericht Düsseldorf dem Unternehmen, mit Kooperationspraxen in jedem Bundesland und einem Netz von mehr als 300 Hautärzten zu werben – Testanfragen eines Mitbewerbers hatten ergeben, dass diese Aussagen nicht haltbar waren.

Datenschutz: Sensible Gesundheitsdaten werden digital verarbeitet, gespeichert und teilweise an Drittanbieter weitergereicht. dm und Aware verweisen auf DSGVO-Konformität, Speicherung ausschließlich in Europa und darauf, dass dm selbst keine Testergebnisse erhalte. Der Landesdatenschutzbeauftragte von Baden-Württemberg hat allerdings bereits darauf hingewiesen, dass die Einbindung mehrerer Dienstleister die Datenflüsse komplex macht.

Was bleibt – und warum es spannend wird

Das Pilotprojekt von dm mit Skleo und Aware ist mehr als ein Randphänomen. Es ist ein Testfall für eine Grundsatzfrage: Wie viel Gesundheitsversorgung darf außerhalb klassischer ärztlicher Strukturen stattfinden, wenn Telemedizin und KI die technische Kluft zunehmend schließen?

Für die eine Seite ist das ein demokratischer Fortschritt: Vorsorge wird bezahlbar, spontan verfügbar, alltagstauglich. Menschen, die nie zum Augenarzt gehen würden, kommen so überhaupt erst mit Früherkennung in Berührung. Für die andere Seite droht eine Kommerzialisierung von Medizin, bei der Geschwindigkeit und Preis wichtiger werden als ärztliche Kontextbewertung und Nachsorge.

Wie die Gerichte entscheiden, wird Signalwirkung haben – nicht nur für dm, sondern für eine ganze Welle an Healthtech-Start-ups, die gerade in den deutschen Markt drängt. Ocumeda, Mirantus, dermanostic und viele andere bewegen sich in ähnlichen Grauzonen zwischen Telemedizin, KI-Diagnostik und Einzelhandel.

Unabhängig vom juristischen Ausgang zeichnet sich eines schon jetzt ab: Das Bild der Arztpraxis als einzigem Ort medizinischer Diagnostik wird gerade neu gezeichnet. Zwischen Zahnpasta und Windeln entsteht eine neue Infrastruktur – und die Frage, ob das eine gute Nachricht ist, hat keine einfache Antwort.


Stand: April 2026. Die rechtliche Lage kann sich mit anstehenden Gerichtsentscheidungen ändern.

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